Dein Internet gehört dir nicht (und das ist Absicht)
Du bist das Produkt. Du weißt das. Du machst trotzdem weiter. Lass uns darüber reden.
Heute Morgen bist du aufgewacht und als Erstes dein Handy angefasst. Nicht dein Kind. Nicht deinen Partner. Nicht die Katze. Dein Handy.

Du hast Instagram geöffnet. Oder TikTok. Oder LinkedIn, falls du zu den Menschen gehörst, die ihren Selbstwert in Profilansichten messen. Du hast gescrollt. Du hast geliked. Du hast ein Foto gepostet. Vielleicht dein Frühstück. Vielleicht einen Sonnenaufgang. Vielleicht einen Hot Take über etwas, das morgen niemanden mehr interessiert.
Gratulation. Du hast gerade unbezahlt für einen Milliarden-Konzern gearbeitet. Dein Gehalt: Dopamin in Tropfenform. Dein Chef: ein Algorithmus, der genau weiß, wie lange er dich scrollen lassen muss, bevor er dir eine Werbung für Proteinpulver zeigt.
Das ist nicht das Internet. Das ist eine Suchtmaschine mit WLAN.
Wie wir hier gelandet sind
Das Internet wurde erfunden, damit Physiker Daten austauschen können. Dann kamen Nerds und bauten Homepages über ihre Hamster. Dann kamen Konzerne und sagten: Nette Hamsterseite. Wäre doch schade, wenn die niemand sieht. Komm auf unsere Plattform. Ist auch kostenlos!
Kostenlos. Das Lieblingswort des Silicon Valley. Kostenlos wie die erste Dosis.
Cory Doctorow nennt es Enshittification. Schönes Wort. Hässliche Sache. Die American Dialect Society wählte es 2023 zum Wort des Jahres. Es beschreibt den Dreischritt, mit dem jede Plattform den gleichen Weg geht:
Schritt eins: Alles ist geil. Keine Werbung, keine Algorithmen, alle sind da. Du denkst: Endlich! Eine Plattform die mich versteht!
Schritt zwei: Die Investoren wollen Rendite. Plötzlich sieht deine Mutter deine Posts nicht mehr, es sei denn du "boostest" sie für 4,99 Euro. Dein Feed besteht zu 40 Prozent aus "Gesponserten Beiträgen" von Leuten, die dir Dropshipping-Kurse verkaufen wollen.
Schritt drei: Alle hauen ab. Die Plattform gehört jetzt einem Milliardär, der sie gekauft hat, weil er sich gelangweilt hat. Er benennt sie um. Er feuert die Hälfte der Mitarbeiter. Er postet um drei Uhr morgens etwas über Mars.
Doctorow fasst es so zusammen: Plattformen sterben so – erst sind sie gut zu ihren Nutzern, dann beuten sie ihre Nutzer aus, um es ihren Geschäftskunden recht zu machen, und am Ende beuten sie auch ihre Geschäftskunden aus, um sich selbst alles einzuverleiben.
Und dann? Dann stirbt die Plattform. Und nimmt alles mit.
MySpace: tot. Deine Band-Fotos von 2007: weg. Geocities: tot. Deine erste Homepage: weg. Google Plus: tot. Deine – ach, Google Plus hat nie jemand benutzt. Vine: tot. Cohost: tot. Friendster, StudiVZ, Tumblr (halbtot), X (untot, riecht aber komisch): die Liste ist lang.
Jede einzelne Plattform hat beim Verrecken Millionen von Texten, Bildern und Erinnerungen mit ins Massengrab geworfen. Jedesmal standen die Nutzer da und sagten: Das hätte ich nicht erwartet.
Doch. Hättest du. Du wolltest nur nicht hinschauen.
Die Spinner mit den Webseiten
Es gibt Menschen, die das schon lange kommen sahen. Sie sitzen nicht in Palo Alto. Sie haben keine Hoodies und keine Milliardenbewertung. Sie haben etwas viel Gefährlicheres: eine eigene Domain.
Zwei Bewegungen, die zusammen weniger Mitglieder haben als der durchschnittliche Zumba-Kurs. Aber sie haben recht.
Das IndieWeb sagt: Veröffentliche auf deiner eigenen Seite. Besitze deine Daten. Kontrolliere deine Identität. Sei kein digitaler Leibeigener. Gegründet 2011 von Tantek Çelik und Aaron Parecki, die nach einem Treffen über föderiete soziale Netzwerke entschieden: Warte mal, man braucht keine ganze Plattform – jeder kann das selbst. Die drei Grundprinzipien von damals gelten noch heute: Erstelle. Benutze was du machst. Besitze deine Daten.
Das Small Web sagt: Mach eine Webseite. Über irgendwas. Hauptsache, sie gehört dir. Parimal Satyal schrieb 2020 den Essay, der dem Ding den Namen gab: "Rediscovering the Small Web." Sein Punkt: Das kreative, persönliche, spaßige Web existiert noch. Man muss nur wissen, wo man sucht.
Das IndieWeb hat Protokolle, Spezifikationen, ein Wiki das aussieht wie 2004 und stolz darauf ist. Das Small Web hat keine Organisation, kein Budget, kein Mission Statement. Es hat Leute die Webseiten über Schreibmaschinen bauen. Und ich meine das als Kompliment.
POSSE – oder: Wie man die Plattformen benutzt ohne sich benutzen zu lassen
Das IndieWeb hat ein Konzept namens POSSE. Steht für "Publish on your Own Site, Syndicate Elsewhere." Auf Deutsch: Schreib auf deinem Blog, teil es auf Mastodon, lass X die Krümel aufsammeln.
Die Quelle bist du. Deine Domain. Deine URL. Wenn Elon morgen beschließt, dass X nur noch Posts anzeigt, die seinen Namen enthalten – dein Blog steht noch. Tantek Çelik macht das seit 2010: Notizen auf der eigenen Seite veröffentlichen, dann auf die Plattformen syndizieren. Nicht umgekehrt. Nie umgekehrt.
Es gibt dazu technische Spielereien. Webmentions: Webseiten pingen sich gegenseitig an, wenn sie aufeinander verlinken. Dezentrale Kommentare, ohne dass Zuckerberg mitlesen muss. IndieAuth: Einloggen mit der eigenen Domain, weil dein Google-Konto ohnehin schon mehr über dich weiß als dein Therapeut.
Der Haken: Man muss programmieren können. Oder jemanden kennen. Oder sehr viel Geduld haben. Das IndieWeb hat die besten Prinzipien und die schlimmste Onboarding-Experience seit SAP.
Digitale Gärten – oder: Vielleicht muss nicht alles ein verdammter Feed sein
Im Small Web gibt es eine Idee, die so simpel ist, dass man sich fragt, warum nicht schon früher jemand drauf gekommen ist: der digitale Garten. Das Konzept reicht bis zu Mark Bernsteins Essay von 1998 zurück, aber Maggie Appleton hat es 2020 für eine neue Generation kartografiert. Ihre Definition: eine Sammlung wachsender Ideen, nicht streng chronologisch geordnet, nicht perfekt, nicht fertig.
Ein Blog ist chronologisch. Neuestes oben. Altes unten. Vergessen. Wie die Welt es von dir verlangt: produzier, produzier, produzier.
Ein digitaler Garten funktioniert anders. Seiten die wachsen. Notizen die sich verändern. Kein Datum. Kein "zuerst veröffentlicht am." Stattdessen: "Zuletzt gegossen am."
Nichts ist fertig. Alles ist erlaubt. Widersprüche inklusive.
Die Plattformen haben uns beigebracht, dass nur zählt was neu ist. Ein digitaler Garten sagt: Halt die Klappe. Manche Gedanken brauchen Jahre.
Gemini – für Leute denen das normale Internet zu bunt ist
Es gibt ein Protokoll namens Gemini. Es funktioniert wie das Web. Ohne CSS. Ohne JavaScript. Ohne Bilder. Ohne Cookies. Ohne Tracking. Ohne Spaß – sagen Kritiker. Ohne Bullshit – sagen Fans.
Nur Text. Nur Links. Punkt.
Gemini ist das digitale Äquivalent davon, alle Möbel aus der Wohnung zu werfen und auf dem Boden zu sitzen. Es ist radikal. Es ist unbequem. Und es beantwortet eine Frage, die sich sonst niemand traut zu stellen: Was brauchen wir eigentlich wirklich?
Antwort: Weniger als wir denken.
Das Fediverse – oder: Dezentrales Angeschrien-werden
Zwischen dem Rückzug auf die eigene Webseite und der Kapitulation vor Meta gibt es einen Mittelweg: das Fediverse.
Mastodon, Pixelfed, PeerTube, Lemmy – alle sprechen ActivityPub, ein offenes Protokoll. Kein Konzern besitzt das Netz. Kein Algorithmus kuratiert.
Das Fediverse beweist, dass dezentrale soziale Netze funktionieren. Es beweist allerdings auch, dass Menschen dezentral genauso nervig sind wie zentral. Der Unterschied ist: Wenn dich deine Mastodon-Instanz ankotzt, ziehst du um. Versuch das mal bei X. Da gehört dir nicht mal dein Username.
Die KI frisst das Web (und rülpst nicht mal)
OpenAI, Google, Anthropic – sie haben ihre Sprachmodelle mit dem Internet trainiert. Auch mit deinem Blog. Auch mit der Schreibmaschinen-Seite. Ohne zu fragen. Ohne zu bezahlen. Ohne dich auch nur zu erwähnen.
Stell dir vor, jemand kopiert dein Kochbuch, mixt alle Rezepte zusammen, verkauft das Ergebnis für 20 Dollar im Monat und sagt: "Das hab ich alles selbst gelernt." So funktioniert KI-Training. Nur dass es legal ist. Wahrscheinlich. Die Gerichte sind sich da noch nicht ganz einig.
Und es wird besser. Googles AI Overviews beantworten Fragen direkt in der Suche. Warum auf die Quelle klicken, wenn die Maschine dir die Antwort schon vorgekaut hat? Das Web wird zur Zitrone. Ausgepresst. Der Saft gehört Google. Die Schale landet in der Tonne. Die Schale bist du.
Die Datei robots.txt – ein Textdokument, das Crawlern sagt, wo sie nicht hin dürfen – ist plötzlich ein politisches Statement. Immer mehr Webseitenbetreiber blockieren die KI-Bots. Herman Martinus, der Macher von Bear Blog, kämpft inzwischen gegen Scraping-Bots die seinen Server in die Knie zwingen – ein einzelner Entwickler gegen die Datensammelwut von Milliarden-Konzernen. Es fühlt sich an wie mit einem Wasserwerfer gegen einen Tsunami spritzen. Aber man tut was.
Wir haben verlernt, Dinge zu besitzen
In den Neunzigern konnte jeder Teenager eine Homepage bauen. HTML, bisschen CSS, ein FTP-Programm und ein Geocities-Account. Fertig.
Heute baut fast niemand mehr Webseiten. Nicht weil es schwieriger geworden ist. Es war noch nie so einfach. Sondern weil uns Instagram, Medium und Substack erfolgreich eingeredet haben, dass wir es nicht brauchen. Wozu HTML lernen, wenn du auf Medium posten kannst? Medium gehört dir zwar nicht und kann morgen die Regeln ändern oder dichtmachen, aber hey – die Schriftart ist hübsch.
Parimal Satyal, der Namensgeber des Small Web, schrieb dazu: Die meisten Webseiten heute werden wie kommerzielle Produkte gebaut – optimiert für maximale Reichweite und Engagement. Aber das Web muss nicht gewinnorientiert sein. Es kann genauso gut "autorenzentriert" sein, hobbyzentriert, oder sogar hundezentriert.
Es gibt ein Right to Repair fürs Web. Das Recht, seine eigene Ecke des Internets zu bauen. Wir haben es nie verloren. Wir haben nur vergessen, dass wir es haben. Weil es bequemer ist, Mieter zu sein als Eigentümer. Bis der Vermieter die Miete verdreifacht. Oder das Haus abreißt.
Digitale Testamente – oder: Dein Blog überlebt dich (nicht)
Im Small Web redet man offen über den Tod. Genauer: über die Frage, was mit deiner Webseite passiert, wenn du stirbst.
Herman Martinus, der Typ hinter Bear Blog, hat im Januar 2025 das Bear Manifesto veröffentlicht. Darin stehen drei Versprechen: Bear wird nicht abgeschaltet. Bear wird nicht verkauft. Bear wird keine Werbung zeigen. Und es gibt einen Nachfolgeplan – dokumentierte Systeme, vertrauenswürdige Entwickler mit Zugang, klare Anweisungen. Sein Credo: Vertrauen ist keine Rechtsform, sondern ein Sozialvertrag.
Und du? Hast du einen Plan?
Natürlich nicht. Deine Webseite stirbt mit dir. Oder sie vegetiert als digitaler Zombie, bis dein Hoster merkt, dass niemand mehr die 4,99 im Monat überweist. Dann: 404. Not Found. Als hättest du nie existiert.
Das Small Web nimmt digitale Nachlässe ernst. Die Plattformen nicht. Für die Plattformen bist du kein Mensch. Du bist ein Monthly Active User. Und wenn du nicht mehr aktiv bist, bist du Datenmüll.
Was du tun kannst (in fünf Minuten, nicht in fünf Semestern)
Geh auf Bear Blog oder Neocities. Mach eine Seite. Schreib einen Satz. Irgendeinen. "Ich mag Züge." Reicht. Stell ihn ins Netz.
Richte einen RSS-Feed ein. Das ist die einzige Technologie, die das Internet je hervorgebracht hat, die nicht versucht, dich zu manipulieren. RSS fragt nicht, was du liken möchtest. Es zeigt dir einfach, was die Leute geschrieben haben, denen du folgst. Chronologisch. Ohne Algorithmus. Wie ein normaler Briefkasten. Verrückt, oder?
Verlinke auf andere kleine Seiten. Links sind die Währung des Small Web. Nicht Likes. Nicht Shares. Links. Die Ur-Geste des Internets. Jemand sagt: Schau mal da drüben. Da ist was Gutes.
Benutze Marginalia statt Google. Eine Suchmaschine, die kleine Webseiten bevorzugt statt SEO-optimierte Konzernseiten. Es ist wie einen Buchladen betreten nach Jahren in der Amazon-Lagerhalle.
Geh zum Homebrew Website Club. Gibt es in Düsseldorf und Nürnberg – beide treffen sich regelmäßig, monatlich, in echt. Menschen sitzen zusammen und basteln an ihren Webseiten. Wie eine Selbsthilfegruppe für Leute, die das Internet vermissen das es mal war.
Oder mach gar nichts. Lies kleine Webseiten. Folge Links statt Algorithmen. Hör auf zu scrollen. Fang an zu klicken.
Das IndieWeb und das Small Web werden das Internet nicht retten. Dafür bräuchte man wahrscheinlich eine Zeitmaschine und ein Gewehr. Oder Regulierung. Oder einen Asteroiden, der gezielt in Menlo Park einschlägt.
Aber darum geht es nicht.
Es geht darum, dass irgendwo da draußen ein Mensch eine Webseite baut. Über Schreibmaschinen. Oder Kakteen. Oder die Busse in Wuppertal. Und dass diese Seite niemandem gehört außer ihm. Kein Konzern kann sie abschalten. Kein Algorithmus kann sie verstecken. Kein Milliardär kann sie kaufen.
Sie steht einfach da. Im Netz. Klein. Unwichtig. Frei.
Das ist mehr als die meisten von uns über ihre Instagram-Profile sagen können.
Links, für die du keinen Algorithmus brauchst:
- indieweb.org – Die Spinner mit den Webseiten
- Rediscovering the Small Web – Der Essay der allem den Namen gab
- The Bear Manifesto – Ein Sozialvertrag fürs Bloggen
- Homebrew Website Club – Selbsthilfegruppe für Web-Nostalgiker
- Marginalia Search – Google, aber für Menschen
- neocities.org – Geocities ist nicht tot. Es riecht nur so.
- geminiprotocol.net – Internet für Masochisten (liebevoll gemeint)
- Bear Blog – Das hier. Kein Tracking. Kein Bullshit. Kein Proteinpulver.